28. Juni 2012

7 Fragen, 7 Antworten: Marco Thomann, Radioexport, Berlin


Ein Schweizer in Berlin. Und dann redet der auch noch. Am Radio. Das kommt nicht allzu häufig vor, weiss man doch, dass die Deutschen beim Schweizer Dialekt schnell einmal an Emil Steinberger und Kurt Felix denken - sprich, lustig! Aber es funktioniert, wie das Beispiel vom ehemaligen Radio Pilatus Mann, Marco Thomann, zeigt. 

1. Marco Thomann, du arbeitest bei Spree Radio in Berlin. Als Schweizer. Wie kamst du zu dieser Stelle?

Marco Thomann: Programmdirektor und Morning-Anchor Jochen Trus rief mich im vergangenen Sommer: "Hi Marco, hier spricht Jochen Trus von 105´5 Spreeradio, hast du Bock mit mir in Berlin Radio zu machen?" Da war ich baff und hab dann später natürlich Ja gesagt! 

2. Und wie war der Empfang in Berlin für "dä Schwiizer"?

Marco Thomann: Da ich bereits der zweite Schweizer bin, der für Spreeradio arbeitet, war schon einiges vorhanden: Schweizer Kuh auf dem Sitzungstisch (für all jene die zu spät an die Konferenz kommen müssen einen Euro reinschmeissen), da fällt mir ein, eigentlich müsste es 1 Franken sein, ist ja eh bald mehr wert! Der Einstieg war ziemlich heftig: Am zweiten Tag bereits Geschäftsessen, da hab ich natürlich viele "Grüezis" geerntet. Spreeradio steht seit knapp 8 Jahren sehr eng zur Schweiz und ist durch das natürlich schon recht helvetisch!  Zudem habe ich ein rotes Schweizer Auto mit weissem Kreuz. 

3. In der Schweiz herrscht ja seit einiger Zeit reger Diskussionbedarf beim Thema Deutsche in der Schweiz. Sind Frau Rickli und ihre Thesen bei euch in Berlin auch ein Thema?

Marco Thomann: Die Berliner interessiert das nicht. Sie sind sehr tolerant, weltoffen und lieben die Schweiz. Viel mehr interessiert sie ob es auch im nächsten Jahr einen Lindt-Goldhasen zu Ostern gibt oder nicht. Berlin ist nicht Deutschland, es ist Berlin. Ich kann gewisse Schweizer verstehen, wenn sie Mühe haben mit der deutschen, direkten Art. Das ging mir am Anfang auch so. Sie sagen es halt direkt und schonungslos wenn ihnen was nicht passt. Aber mit ein paar Rickli, pardon Trickli hält man das aus.

4. Wie unterscheidet sich das "Radio machen" in einer Weltstadt zur Schweiz?

Marco Thomann: Der grösste Unterschied liegt in der Grösse und im Tempo. Man muss sich das so vorstellen, dass hier in der 3,5 Millionen Metropole 35 Radiostationen um die Gunst der Hörer buhlen. Hier ist richtig Dampf im Kessel und eine einzige schlechte Woche kann das Ergebnis der Hörerzahlen beeinflussen. Mit einer Stundenreichweite von 120´000 Hörern (nicht wie in der Schweiz Tagesreichweite) sind wir aktuell die Nummer 4 von Berlin. Auf Platz 1 ist unser Konzernbruder 104.6 RTL und gemeinsam bilden wir das RTL Radio Center Berlin mit über 105 Mitarbeitern. Anhand dieser Tatsache sieht man auch die Dimensionen, die man hier im Berliner Radiomarkt hat. Zudem ist das Tempo für einen Schweizer unglaublich hoch, die Schlagzahl ist so hoch, dass man entweder täglich viele Überstunden leistet oder die Hälfte nicht mitkriegt! Man muss mit dem Tempo mit, sonst fällt man vom Zug und das ist für mich als Schweizer nicht immer so einfach.

5. Marco. Berlin ist eine wunderbare Stadt, die einem ALLES bietet. Gibt es doch Sachen aus der Heimat, die du vermisst?

Marco Thomann: Berlin bietet wirklich extrem viel, doch was ich vermisse ist in erster Linie meine Frau, das ist klar. Dann aber auch die Berge und den Vierwaldstättersee! Unglaublich, ich hätte nie gedacht, dass ich solch kitschige Sachen schreiben würde, aber es ist so. Und seit ich hier in Berlin wohne, finde ich auch Zürich schön, denn wenn man mit dem Flieger pendelt, ist Zürich bereits Heimat.  Und als Luzerner war Zürich immer seeeeehr grooooosss, im Vergleich mit Berlin natürlich nicht mehr! 

6. Und ich hätte gewettet, dass jetzt Begriffe wie FCL oder Fasnacht auftauchen. Nicht?

Marco Thomann: Hast mich auf dem linken Bein erwischt! Dachte aus Sicht der Länge, bin ich ein bisschen kürzer und beschränke mich aufs allerwichtigste.  Für die Lozärner Fasnacht habe ich sogar Sonderurlaub, den ich in einer Zeit nehmen darf, in der es für niemanden hier Urlaub gibt. Doch es war für mich ein Vertragsbestandteil. Ohne Fasnacht - kein neuer Job!  Zudem ist es nicht berauschend als Saisonkartenbesitzers des FCL´s die Spiele nicht sehen zu können. Und das blauweise Berliner Pendant ist ja nun auch zweitklassig.

7. Mit Frage Nummer 7 neigt sich unser Online-Interview auch schon dem Ende zu. Marco wann dürfen sich die Schweizer Radiohörer wieder auf deine Stimme freuen oder anders gefragt, wie sieht deine weitere Karriereplanung aus? "Wetten dass.." macht ja nun der Lanz 

Marco Thomann: Haha! Also wenn das Rotations-Prinzip so weiter geht, also Lanz zu Wetten dass...., Gottschalk und Hunziker zu Supertalent, dann dürfte ich bald bei Home Shopping TV nachrücken.  Nein, quatsch: Berlin ist unglaublich spannend und für einen Radiomacher wie mich unbezahlbar, doch die Schweiz ist meine Heimat und da möchte ich doch auf Berge, Vierwaldstättersee, Fasnacht und FCL nicht ewig verzichten müssen! 

Marco, herzlichen Dank, dass du dir Zeit genommen hast für dieses Gespräch. Ich wünsche dir in Berlin weiterhin viel Spass und Erfolg. Geniess die Zeit!

PS: Frage 7 1/2: Wer wird Europameister?

Marco Thomann: Wenn ich nicht mehr aus meiner Haustüre komme, vor lauter Autohupen zum Ohrenarzt muss, von rund 500´000 Fans umarmt werde und der Berliner Nachthimmel rotschwarzgold erleutet wird, frühestens dasnn werde ich es wissen!  Nein, Ich denke Deutschland machts!

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